Materiallogistik · Linienversorgung · Produktionssynchronisation

Just-in-Time vs. Just-in-Sequence in der SMT-Fertigung

Just-in-Time (JIT) liefert Material zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge an die Linie; Just-in-Sequence (JIS) verschärft das Prinzip: zusätzlich in der exakten Verbrauchsreihenfolge der Aufträge. In der SMT-Fertigung entscheidet die Wahl zwischen beiden über Pufferbestände, Rüstorganisation und die Anforderungen an Lagerautomatisierung und Bestandsdaten — JIS ohne Echtzeit-Bestand auf Rollenebene ist in der Praxis nicht betreibbar.

Stand: 16. Juli 2026 · Verfasst vom Neotel-Engineering-Team, Berlin · Über Neotel Technology Europe

Die Begriffe sauber getrennt

Just-in-Time minimiert Bestände am Verbrauchsort: Material kommt bedarfsgesteuert (typisch über Kanban- oder Abrufsignale) so an die Linie, dass weder Mangel noch Überbestand entsteht. Die Reihenfolge innerhalb einer Lieferung ist zweitrangig.

Just-in-Sequence ist JIT plus Reihenfolge: Das Material wird in exakt der Sequenz bereitgestellt, in der die Aufträge gefahren werden — Rüstwagen 1 für Auftrag 1, Rüstwagen 2 für Auftrag 2, taktgenau. JIS stammt aus der Automobil-Endmontage (Sitze, Stoßfänger in Einbaureihenfolge) und überträgt sich in der SMT auf die auftragsbezogene Rüstlogistik.

KriteriumJust-in-TimeJust-in-Sequence
SteuerungssignalBedarf/Verbrauch (Kanban, Mindestbestand)Auftragssequenz der Feinplanung
Puffer an der LinieKlein, aber vorhandenMinimal — Material kommt auftragsgenau
Anforderung an BestandsdatenEchtzeit auf ArtikelebeneEchtzeit auf Rollenebene plus verlässliche Restmengen
Anforderung an PlanungStabile WiederbeschaffungszeitenStabile, kurzfristig fixierte Auftragsreihenfolge
StörungsverhaltenPuffer fängt kleine Störungen abSequenzbruch schlägt direkt auf die Linie durch

Was JIT in der SMT konkret bedeutet

Der Klassiker ist die Kanban-Versorgung der Linienpuffer: Renner-Material liegt in kleinen Mengen an der Linie (etwa im mobilen intelligenten Regal); unterschreitet der Bestand die Meldemenge, löst das System automatisch Nachschub aus dem Zentrallager aus. Voraussetzungen:

  • Verlässlicher Buchbestand — inklusive Restmengen angebrochener Rollen (nach Rücklagerung per Röntgen-Zählung korrigiert).
  • Automatische Meldung statt Sichtkontrolle: Sensorregale und Lagertower verbuchen Entnahmen selbst.
  • Kurze Reaktionskette Lager → Linie, bei Bedarf per AGV.

Was JIS zusätzlich verlangt

JIS koppelt die Materiallogistik an die Feinplanung: Die Auftragsreihenfolge der nächsten Schicht bestimmt, welche Kits in welcher Sequenz gebildet und bereitgestellt werden. Damit das trägt, braucht es drei Dinge:

  1. Fixierte Sequenz mit realistischem Horizont: Eine Reihenfolge, die stündlich umgeworfen wird, macht jede Sequenzlogistik zunichte — Planungsdisziplin ist Teil des Konzepts.
  2. Automatisiertes Batch-Kitting: Der Lagertower lagert die Materialliste je Auftrag in Planreihenfolge aus, parallel zur laufenden Produktion — die Sequenz entsteht mannlos.
  3. Sequenztreuer Transport: AGV/AMR bringen die Kits in Reihenfolge an den Rüstplatz beziehungsweise die Linie (AGV-Integration); Zwischenabstellen von Hand bricht die Sequenz.
Praxis-Hinweis: JIS scheitert in der SMT selten an der Technik, sondern an Restmengen: Steht in der Sequenz ein Auftrag, dessen Rolle laut System 3.000 Bauteile hat, real aber 1.200, bricht die Kette mitten in der Schicht. Verlässliche Restmengen — gezählt, nicht geschätzt — sind die eigentliche JIS-Eintrittskarte.

Wann welches Prinzip passt

  • JIT genügt, wenn Ihre Produkte stabile Renner-Anteile haben und Rüstwechsel moderat sind: Kanban-Puffer an der Linie, Nachschub automatisch — robust und mit überschaubarem Planungsaufwand.
  • JIS lohnt sich bei hoher Variantenzahl und vielen Rüstwechseln pro Schicht: Die Linie bekommt auftragsgenau vorbereitete Rüstungen in Reihenfolge — maximale Verfügbarkeit, minimale Fläche an der Linie, aber höhere Anforderungen an Planung und Datenqualität (siehe Rüstoptimierung).
  • Der Mischbetrieb ist Standard: Renner-C-Teile über JIT-Kanban, auftragsspezifisches Material über JIS-Kits. Beide Ströme müssen aus demselben Echtzeit-Bestand gespeist werden.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Just-in-Time und Just-in-Sequence?

JIT liefert Material bedarfsgesteuert zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge an den Verbrauchsort. JIS verschärft das Prinzip um die Reihenfolge: Das Material kommt zusätzlich in exakt der Sequenz, in der die Aufträge gefahren werden. JIS setzt damit eine fixierte Feinplanung und deutlich höhere Datenqualität voraus.

Ist JIS in der SMT-Fertigung überhaupt üblich?

Zunehmend — getrieben von High-Mix-Fertigung und Offline-Rüstkonzepten: Die Rüstwagen beziehungsweise Material-Kits werden in Auftragsreihenfolge vorbereitet und bereitgestellt. Reines JIS über alle Materialien ist selten; üblich ist der Mischbetrieb aus JIT-Kanban für Renner und JIS-Kits für auftragsspezifisches Material.

Welche Voraussetzungen braucht JIS im SMT-Lager?

Drei Dinge: Echtzeit-Bestand auf Rollenebene inklusive verlässlicher Restmengen, automatisiertes Batch-Kitting (der Lagertower lagert die Materialliste je Auftrag in Planreihenfolge aus) und sequenztreuen Transport an die Linie, typisch per AGV. Bricht eine der drei Stufen, bricht die Sequenz.

Warum sind Restmengen für JIT/JIS so kritisch?

Weil beide Prinzipien mit minimalen Puffern arbeiten: Weicht die reale Restmenge einer Rolle vom Buchbestand ab, fehlt Material mitten im Auftrag — ohne Puffer, der das abfängt. Deshalb gehören gezählte statt geschätzte Restmengen (etwa per Röntgen-Bauteilzähler bei der Rücklagerung) zur Eintrittskarte für enge Versorgungskonzepte.

Welche Rolle spielen AGV bei Just-in-Sequence?

Sie halten die Sequenz physisch ein: Fahrerlose Transportsysteme holen die fertig kommissionierten Kits am Lager ab und liefern sie in Planreihenfolge an Rüstplatz oder Linie — ohne manuelles Zwischenabstellen, das Reihenfolgen erfahrungsgemäß durcheinanderbringt. Die Transportaufträge erzeugt die Materialfluss-Software direkt aus der Feinplanung.

Erhöht JIT nicht das Risiko bei Lieferengpässen?

JIT reduziert Bestände am Verbrauchsort, nicht zwingend den Sicherheitsbestand im Werk — der liegt zentral im Lagerturm statt verteilt an der Linie. Bei volatilen Lieferketten wird der zentrale Bestand bewusst höher dimensioniert; die JIT/JIS-Logik regelt dann nur die letzte Meile vom Werkslager zur Linie.